11
Mrz
2007

Der Nackttraum des Kamels

Freitag abend, OSZE-Gala in der Hofburg. Wir werden dafür bezahlt, dass wir als Spanierinnen in Feria-Kleidern rund ums Dessertbuffet promenieren. Wir bestehen auf ausreichend Nachschub an Vino Tinto, um keinen seelischen Schaden zu nehmen. Man lässt sich oder den pickeligen Nachwuchs mit uns fotografieren. Fragt auf Englisch, ob wir Deutsch sprechen, auf Deutsch, ob wir Spanisch sprechen, und auf Spanisch, aus welcher Provinz wir kommen.

"Ich komme mir vor wie in so einem Nackttraum. Man geht herum, vergisst, dass man nichts anhat, und wundert sich, warum einen alle anstarren", kommentiert meine Freundin und zerquetscht ein Aniskeks unter dem genagelten Schuh. Sie klammert sich ans Buffet, um nicht auszurutschen. Der Olivenbaum schwankt bedenklich. Ich versuche, eine Portion Leche frita zu ergattern und versenke meinen Fächer im Kirschenkompott.

"Also ich fühle mich eher wie ein Kamel in Marokko", flüstere ich meiner Freundin zu, als wir uns beim Promenieren vorm Schokoladebrunnen treffen.
"In Marokko gibt es keine Kamele", entgegenet sie, als sie mir ein paar Minuten später wieder begegnet.
"Doch. Genau drei. Die stehen auf einer Anhöhe und die Touristen lassen sich gegen Geld auf ihnen knipsen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, ich besitze so ein Bild."

Wenig später fotografiert ein Gast seine Zwei-Meter-Freundin mit mir, während er im Geiste Kastagnetten in die Liste der Sex Toys aufnimmt.

"Das ist dann wohl die Rache der Kamele", ruft meine Freundin vom Buffet herüber.
Danach spricht uns niemand mehr auf Spanisch an. Genau genommen spricht uns überhaupt niemand mehr an.

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