10
Apr
2007

Brüten und hungern

Ostermontag im größten Indoor-Spielplatz Wiens: Ich, der Mann, der sich ohne mich fortgepflanzt hat, und vier Kinder zwischen 2 und 9. Danach gehen wir noch gemeinsam Pizza essen. Drei Stück für sechs Personen, bitte vorgeschnitten. Und Pinot Grigio für die Rabenmutter, die sich nur um die Älteste kümmert. Der Vater balanciert Gläser, schlichtet Streit, putzt Fingerchen, bleibt hungrig. Die Kleinsten kriechen unterm Tisch herum. Der 6jährige steckt sich Servietten in die Ohren. Die Leute tuscheln. Die Kellner schauen mitleidig. Großfamilien haben's nicht leicht in der Großstadt. In der Dämmerung überqueren wir die Straße und ich wünsche, ich hätte ein Outfit, das so viele Blicke anzieht wie die Orgelpfeifen-Kinder.

Als ich heim komme, läuft im Fernsehen Die Reise der Pinguine: Die Stelle, wo die Mütter die frisch gelegten Eier den Vätern übergeben und sich zu Wellnesswochen im 100 km entfernten antarktischen Meer aufmachen. Den Winter über werden die Männer brüten und hungern. Ich muss an die Pizzeria denken.

9
Apr
2007

Schwedisches Schnewittchen

Haut wie Schnee, Haare wie Ebenholz, und ein rotes Rohseidenkleid - Sophie Zelmani spielte am Ostersonntag in der Szene Wien für ein kleines Publikum.

Die zarte 34jährige Schwedin sang zwei Stunden lang vor simpler Kulisse - einem Holztisch mit brennender Kerze, einem Glas Wasser, einem Glas Rotwein.
Die Lieder kommen sanft und unangestrengt, sie ähneln einander, bis da und dort eine Tonfolge oder ein Textteil hervorsticht. Solide Soli der blonden 4-Klon-Band. Abgesehen von Sophies Abba-Englisch und der Tatsache, dass sie die Haare seit Tourstart nicht gewaschen hat, ein tolles Konzert.

> Sophie live

Nur einmal krame ich nach dem vergifteten Apfel: Als sie dem Mann, in dessen Hosentasche meine Hand steckt, zum zweiten Mal zulächelt...

29
Mrz
2007

Glück, broschiert

Seit mein Ex-Mann am felsigen Ufer der Ligurischen See das - niemals erschienene - Buch "Sprich deinen Vers" verfasste, während ich 200 Meter entfernt sein Neugeborenes großzog, unterdrücke ich mein Interesse an Selbsthilfe-Büchern nicht mehr.

Nein, ich schreie ganz laut, wenn mir welche begegnen.

Und staune, welche Autorität banale Aussgen haben, bloß weil sie zwischen zwei Buchdeckeln stehen statt an einer Klowand. Nicht, dass ich es nicht probiert hätte: In meinen dunkelsten Zeiten habe ich mir schon mal das eine oder andere Werk zu Gemüte geführt. Und Selbstbewusstseinsstärkendes à la Die Kaiserin nimmt sich was sie braucht gemantrat.

Mitleid habe ich nur mit jenen Ratnehmern, die meinen, ihr Leben kommt umgehend auf Schiene, wenn sie die Lösung beim Universum bestellen, ihr drittes Auge öffnen, Hormon-Yoga machen, Yoni-Massage lernen, unersättlich werden oder doch nach Feng Shui ausmisten, je nach Autor sieben, zehn oder hundert Schritte zu sich selbst machen, das innere Kind finden, oder den äußeren Erwachsenen verstecken.

Frei nach John Lennon meine ich:
Life is what happens while you're busy reading self help books.

28
Mrz
2007

Madonnas Neue Kleider

Letzten Donnerstag herrschte Ausnahmezustand. Weibliche Trendscouts fürchteten um ihren Ruf, sollten sie es nicht schaffen, sich schon vormittags in einer H&M Filiale einzufinden. Und ein Stück aus der Madonna-Kollektion zu ergattern. Selbst wenn sie dafür eine Konkurrentin in der Wühlkiste mit den Kinderhandschuhen ersticken müßten.

Ich gebe ja zu: Die Plakate sind nett, besonders das mit dem schwarzen Kleid. Und knappe Güter sind nun mal interessanter.

Bloß sind die Madonna-Sachen gar nicht knapp. Am Samstag waren jedenfalls noch mehr als genug davon da.

Macht nichts. Wenn Madonna ein Catsuit mit Polyester-Anmutung auf den Markt wirft, das wir selbst in den 70ern nur in der Dämmerung zum Altkleidercontainer gebracht hätten, dann muss es schön sein. Wenn man bei ihr (liegend) im Kleid aus T-Shirt-Stoff keine Speckröllchen erspäht, dann deckt es die bei uns (stehend) sicherlich auch ab. Und wenn sie Puffärmelchen und Bundfalten hübsch findet, dann tun wir das auch. In Beige.

Aber wir machen ja schon seit den Spitzenunterröcken und getupften Strumpfhosen in den 80ern, was Madonna sagt.
Wobei ich persönlich den Pyramiden-BH ausgelassen habe.

22
Mrz
2007

Höhlenmenschen

Sie: Wozu packst Du eine Zahnbürste in deine Handtasche?
Ich: Naja, man weiß ja nie, wann man die einmal brauchen kann!
Sie: Mama, du bist sehr voraussichtlich.


Tatsache war, dass ich die Zahnbürste noch am selben Abend im skurrilsten Hotel verwendete, in dem ich jemals eine Nacht verbracht habe.

Eigentlich wollten wir nur Jahrestag feiern und nett essen gehen... aber dann... landeten wir im Helenental... im "Helenenstüberl", einem grausamen 50er-Jahre-Bau mit 70er-Jahre-Fliesen. Geht man aber (vorzugsweise unter Verzicht auf das 6-Gänge-Candlelight-Dinner) in den zweiten Stock, findet man zuerst einen Gang mit zauberhaftem Kristallluster, und dann (unter anderem) DAS.

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