7
Sep
2007

Zug Endbahnhof

Die Liste der skurrilsten Dinge, die ich je gemacht habe, wurde gestern abend erweitert um meine Teilnahme an einem Experimentaltheaterstück im Rahmen des Schiele-Fests 2007. Unser Ding setzte sich zusammen aus Lyrik, Trommelmusik, einer Sopranistin und uns drei Flamenco-Tänzerinnen. Thema war "Verhüllen - Enthüllen". Skurril daran war hauptsächlich der Aufführungsort: Bahnsteig 1 vom Bahnhof Tulln, bei akuter Hochwasserwarnung.
Eine andere Rolle musste sich am Boden des ehemaligen Pissoirs des ehemaligen Bahnhofsrestaurants wälzen und dabei Schieles Briefe rezitieren. Ich hatte also noch Glück.

Glück hatte ich auch am Rückweg, wo mich Aquaplaning in einer engen Serpentine (nur) in den Straßengraben beförderte. Es scheint, dass Jemand nicht wollte, dass mein letzter Akt auf dieser Welt ein Herumgehopse im Ku-Klux-Klan-Outfit auf einem regennassem Provinzbahnsteig war.

23
Aug
2007

Braut

... Dieses Wort prangte kürzlich auf dem weißen T-Shirt einer Partybesucherin. Dazu muss man sagen, dass das Durchschnittsalter der Gäste mindestens beim Zweifachen des gängigen Pubertäts-Endes angesiedelt war.

Ich konnte nicht umhin, der Dame immer wieder auf den Busen zu starren. Braut? Ist sie etwa single und meint das sarkastisch? Nein, es war ernst. Was ich aus dem belämmerten Grinsen sowie den beständigen Versuchen, in der Ellenbeuge ihres Begleiters unterzukommen, schloss, wurde von der Gastgeberin bestätigt.

Wenig später wurde ich unfreiwillig Zeuge einer weiteren Heiratsanbahnung. Die knackige Über-40erin brachte gerade alle relevanten Informationen über sich selbst an den Single-Mann:
Ich habe keine Kinder, aber ich liebe meine Neffen. Der eine hat tatsächlich vor kurzem zu mir gesagt: "Tante, du bist doch so hübsch, warum mag dich keiner?"

Der Single-Mann wurde am nächsten Tag dennoch bei einem Drink mit ihr gesehen. Am übernächsten Tag aber ließ er verlauten, "Die will sofort wen zum Heiraten und Kinderkriegen. Ich bin nicht interessiert."

Was ließ uns Frauen so werden? Das Puppenhaus von Weihnachten 1975? Die Barbiehochzeit auf dem Bett der Volksschulfreundin? Das Vorstadtidyll der Eltern? Adidas im Partnerlook? Selbst die Geschiedenen spähen neidig auf die, die's geschafft haben: sich einen Mann zu krallen und geheiratet zu bleiben.

Ich danke der Unbekannten für ihr T-Shirt. Heiraten ist schon ok. Aber bitte auf Augenhöhe.
Wer mich jemals (abseits eines Londoner Polterabends, wo nichts peinlich ist) mit der Aufschrift "Braut", "Reserviert" oder "Am Ziel ihrer Träume" erwischt, der gewinnt meinen Ex-Ehering aus feinstem Weißgold.

22
Aug
2007

Faltenwurf

Meine Freundin H. bügelt nie. Sie kauft Kleidung für sich und ihre beiden Söhne gleich nach dem Kriterium Wie-siehts-ungebügelt-aus. Nach jahrelanger Übung schüttelt sie die nasse Wäsche vorm Aufhängen so gekonnt, dass man die Knitterfalten förmlich herausfallen sieht.

Meine Freundin D. bügelt täglich. Sie legt die Wäsche ungeglättet in den Schrank und sucht jeden Abend aus, was sie am nächsten Tag anzieht. Das bügelt sie dann. Und so ist sie immer faltenfrei.

Als mein Großvater starb, bügelte meine Großmutter zwei Tage und zwei Nächte durchgehend. Kein Wäschestück war vor ihr sicher. Sie hatte 50 Jahre lang für glatte Hemden gesorgt und konnte nicht so plötzlich damit aufhören.

Als ich in die Volksschule ging, hatte unsere Nachbarin eine Bügelmaschine. Das sperrige, zischende Ding verstellte beinahe die ganze Wohnung, aber es bügelte quasi von selbst. Mich faszinierte vor allem der seitliche Hochsitz. Ich erwartete jeden Moment, dass die Bügelmaschine samt Nachbarin davonflöge.

Ich habe mein Bügelleben noch nicht geordnet. Beschäftige mich noch mit der Frage, wie man ein Spannleintuch mit Anstand zusammenlegt. Wie man verhindert, dass man T-Shirts den vorderen Halsausschnitt von hinten ansieht. Und - worüber sich brave regelmäßige Bügler so freuen können wie ich über ein Kleidungsstück, von dem ich schon vergessen hatte, dass ich es besitze.

21
Aug
2007

Dann leben sie noch heute

Kannst du mir das Wasser reichen?
Ganz ohne Doppeldeutigkeit im Sinn zu haben, bat ich P. heute beim Mittagessen um die Karaffe.
Wir erinnern uns: P. - dessen Abschiedsritual vor zwei Jahren darin bestand, wortlos meinen Wohnungsschlüssel zu retournieren.

"Ich glaube nicht. Und in letzter Zeit denke ich mir das immer öfter", meinte er, woraufhin seine Assistentin, die eigentlich die Anstandsdame machte, sich zur nächsten Besprechung entschuldigte.

P. nutzte die Gelegenheit: "Das Harte bei deinem Fuss ist der Sessel, nicht ich."
"Und wie geht es deinem Sohn?", schaffte ich ohne Wimpernzucken.

Überm Kaffee retteten wir uns ins Thema Schreiben, die gemeinsame Leidenschaft. Er habe Freunden zum runden Geburtstag Grimms Märchen umgedichtet: alle handelnden Personen litten in seiner Version unter Altersschwäche. Die Titel seien "Hänsel und wie hieß sie nochmal?" etc.

Schick mir doch mal was zum Lesen, bat ich.
Nein, ich will sie dir vorlesen, schlug er vor.

Ach weißt du, die Märchenstunde ist vorbei, sagte ich.
Manchmal kommt das Happy End erst nach dem Nachspann, dachte ich.

20
Aug
2007


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